AUFFÜHURUNG Abba-Songs stehen beim Musical des Norder Ulrichsgymnasiums im Mittelpunkt/Begeisterung der Akteure und Zuschauer jeden Abend spürbar.
VON IRMI HARTMANN
NORDEN - Fast 23 Uhr, sie klatschen immer noch. Auf der Bühne wollen sie endlich Schluss machen nach fast drei Stunden Aufführung, aber das Publikum geht einfach nicht nach Hause...
Es ist wieder ausgebrochen, das Musicalfieber in der Stadt. Einmal im Jahr laden die Schüler und Schülererinnen des Norder Ulrichsgymnasiums (UGN) zu vier Aufführungen in die Aula der Realschule ein. Die sind in Rekordzeit ausverkauft, weil viele nicht nur einmal kommen, sondern mindestens zweimal, um beide Besetzungen auf der Bühne zu sehen. Sie werden geradezu süchtig. Sie wollen sich anstecken lassen von dem Musicalfieber, das in der Schule ein Schuljahr lang grassiert, erst noch relativ schwach, zum Frühjahr hin bricht es dann aber mit Macht aus und greift irgendwann rigoros um sich, eben nicht nur in der Schule, sondern in der ganzen Stadt und weit darüber hinaus. In diesem Jahr heißt die Variante „Wenn das Mami wüsst" nach der Vorlage des Abba-Musicals „Mamma Mia!".
Es war zu erwarten, dass dieses Musical ein Selbstläufer werden würde im Hinblick auf das Zuschauerinteresse. Die Abba-Zeit war in den 70ern und frühen 80ern - das erlebte die Generation hautnah mit, die heute im Publikum sitzt und ihre Kinder auf der Bühne beklatscht.
Das allerdings völlig zu Recht. Gut, die Geschichte ist nicht besonders tiefgründig, aber an diesem Grundproblem leiden viele Musicals, und außerdem ist das nicht die richtige Messlatte. Was zählt, ist, dass hier Jugendliche unterschiedlicher Altersstufen immer noch Jahr für Jahr bereit sind, etwas Gemeinsames auf die Bühne zu bringen. Nicht nur die, die als Hauptdarsteller ganz vorn stehen, auch die, die die Vorarbeit leisten für eine gelungene Aufführung, steigern sich dabei von Jahr zu Jahr. So ist auffällig, dass diesmal solche Arbeitsgemeinschaften wie „Bühnenbild" oder „Kostüme" ihre eigenen ganz tollen Akzente setzen. Als drei der Hauptdarstellerinnen im knalligen Outfit auf der Bühne stehen und Abbasongs schmettern, ist das Publikum kaum noch zu halten. Es wird mitgeklatscht und -gefeiert. Die Bühnenbauer haben nicht minder tolle Arbeit geleistet. Sie haben eine schmucke Taverne in den „ersten Stock" gebaut, unter dem sich das Orchester versteckt, sie lassen mit Bildern auf einer Leinwand alle im Saal träumen von Sonne, Palmen und Meer, man hätte fast selbst Lust, an die Bar am Strand zu gehen, um einen Cocktail zu nehmen...
Auch wenn die Technik am ersten Abend nicht immer reibungslos funktionierte - das bringt offensichtlich mittlerweile niemanden am UGN mehr aus der Fassung. Da wird eben schnell ein Mikro auf die Bühne gereicht, die jungen Damen singen weiter, als wäre nichts gewesen. Viele bewegen sich inzwischen so sicher auf der Bühne, dass von Lampenfieber zumindest im Saal überhaupt nichts zu spüren ist.
Musikalisch, das haben besonders die Darstellerinnen in den letzten Jahren in verschiedenen Rollen bewiesen, gibt es tatsächlich immer wieder Höchstleistungen zu hören. Ob Anna-Marija Kleimann in der Rolle der Donna oder Johanne Robke als Sophie - das ist schon allerhöchste Qualität und erstaunlich, wie gut und sicher die jungen Damen singen, auch wenn vor spürbarer Höchstmotivation auch schon mal ein Ton nach oben wegbricht.
Die Männer haben es da in diesem Jahr doch etwas schwerer. Den Frauen merkt man den Spaß am Spiel, die Begeisterung in jedem Musikstück, aber auch in jeder Bewegung und Geste auf der Bühne an, die Herren müssen da schon manchmal aufpassen, nicht „an die Wand" gespielt zu werden. Ihnen wünschte man manchmal eine Portion Lockerheit und Lässigkeit mehr. Es ist toll, dass sie sich zutrauen, mit diesen jungen Frauen zu singen, denn die gesanglichen Qualitäten haben die meisten jungen Herren diesmal nicht zu bieten - aber es verdient allerhöchsten Respekt, sich trotzdem hinzustellen und begeistert mitzumachen. Und im Zweifel gibt es ja im Hintergrund einen Chor, der die Stimme des Solisten mitträgt.
Außerdem gibt es ja andere Bereiche, in denen man glänzen kann. Schauspielerisch, das ist deutlich spürbar, machen die UGN-Schüler Jahr für Jahr Fortschritte. Es wird zunehmend wirklich dargestellt, das Stück verinnerlicht und gelebt. Dazu kommen in der Norder Version des AbbaMusicals viele nette Sprüche und Textpassagen, die im Publikum immer wieder für spontane Lacher sorgen. Was will man mehr?
„Wenn das Mami wüsst" enthält eine Fülle der AbbaSongs, es ist doch spürbar, dass eine Geschichte rund um die Lieder der schwedischen Popgruppe „gebaut" wurde. Insofern ist das Stück natürlich auch schon mal ziemlich kitschig, man fällt in seichte romantische Träume - aber das ist genau das, was viele sich wünschen von so einem Abend. Das Klangbild im Ohr, dazu sehr gelungene Arrangements auf der Bühne mit einer riesigen Gruppe von Tänzerinnen, genießen die meisten einfach die schönen Bilder, die ihnen über mehrere Stunden geboten werden. Zu Recht erhielten die Tänzerinnen ihren ganz eigenen Sonderapplaus beim Auftritt im Schwimmanzug mit Schwimmflossen und Taucherbrille.
Aus vielen geradezu liebevoll arrangierten Details ist am Ende ein rundum gelungenes Gemeinschaftswerk aller Beteiligten geworden. Im Publikum entsteht das Gefühl, dass im Musical Schulgemeinschaft gelebt und dargestellt wird mit unübersehbar großem Spaß aller, die daran mitwirken. Das ist schon insofern bemerkenswert, da inzwischen die meisten Schüler aus Jahrgängen kommen, die schon nach acht Jahren Gymnasium das Abitur ablegen sollen. Das UGN-Musical lebt also, obwohl Schüler und Lehrkräfte weniger gemeinsame Zeit haben, die Nachmittage mit anderen Unterrichtsstunden schon vollgepackt sind. Allein das verdient allerhöchste Anerkennung.
Das Musical wird noch heute und morgen in der Aula der Realschule gespielt. Alle Karten wurden bereits im Vorverkauf abgesetzt.
HAUPTDARSTELLER
Donna: Anna-Marija Kleimann/Antje Voss
Sophie: Johanne Robke/ Nele Eilts
Rosie: Helene Dirks/Ella Domaschkin
Tanya: Marina Konken/ Lisa Wenzel
Sky: Erik Tamsen/Sascha Volders
Sam: Jonas Hentschel/ Ingo Boomgaren
Bill: Benjamin Weiland
Harry: Lennard Spelters
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Entnommen aus dem Ostfriesischen Kurier vom 04.06.2010, Seite 28.
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